Jahr 2016

Kinder brauchen „Naturschutzgebiete für ihre Seele“

15. April 2016. Für Kinder ist es ebenso schlimm, wenn sie selbst Gewalt erleiden, wie wenn sie miterleben wie beispielsweise ihre Mutter geschlagen wird. Dies sagte der bekannte Traumaforscher Alexander Korrittko bei einer Fachtagung in Kempten.

Vortrag Korrittko
Vortrag Korrittko
Rund 100 Teilnehmer aus Polizei, Beratungsstellen, dem Jugendamt der Stadt Kempten und verschiedenen Schulen informierten sich dabei über traumatische Belastungsstörungen nach Gewalterfahrungen. Das Thema des Vortrags von Korrittko: „Wenn die Wunde verheilt, schmerzt die Narbe“. Er ist Mitbegründer des Zentrums für Psychotraumatologie und traumazentrierter Psychotherapie in Niedersachsen. Veranstaltet wurde die Fachtagung vom Jugendamt sowie von der Gleichstellungsstelle der Stadt Kempten.
Dabei ging es um die lähmende Gewalterfahrung von Kindern in der eigenen Familie. Korritko  zeigte anhand aktueller Forschungsergebnisse auf, wie diese traumatischen Erlebnisse wirken: Schon der Körper eines Kleinkindes merke sich diese Erfahrungen und das Gehirn könne sich verändern. Das könne sogar so weit gehen, dass diesen Kindern ein „genetischer Stempel“ aufgedrückt werde.  
Um schwer traumatisierten Kindern zu helfen, sei der Einsatz eines speziell ausgebildeten Traumatherapeuten notwendig. Außerdem sei es wichtig, dass die Betroffenen zusätzlich konstante Bezugspersonen mit einem einheitlichen pädagogischen Verhalten bekommen. „Kinder brauchen Naturschutzgebiete für ihre Seele“, so Korrittko weiter.
Der Referent erläuterte, in welchen Formen Kinder auf traumatische Erlebnisse reagieren. Sie „frieren sozusagen ein“ oder sie unterwerfen sich und schalten ihre Wahrnehmung komplett ab. Dennoch speichern sie Bilder, Gerüche oder Geräusche in diesen Stresssituationen ab. Diese Eindrücke können jederzeit die wieder Panik erzeugen und führen dann oft in vermeintlich normalen Situationen zu einer heftigen Reaktion.
Im  zweiten Teil der Veranstaltung ging es darum, wie das Umgangsrecht der Eltern nach Gewalterfahrungen in Familien organisiert werden kann. Jugendamt, Beratungsstellen, Polizei und die Gerichte sind hier gefordert, im Sinne der Heilungschancen der Kinder Kontaktmöglichkeiten zu schaffen, die am Alter und  am Entwicklungsstand der Kinder und vor allem an dessen seelischem Nutzen orientiert sind.
Die Fachtagungen unterstützen die Arbeit des „Runden Tisches häusliche Gewalt“, den es in Kempten schon seit 15 Jahren gibt und dessen Ziel bestmöglicher Opferschutz ist.


 

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